GQ-Kolumnisten
Paula Lambert

"Im Bett mit Paula" - Paula Lambert kennt sich aus in zwischenmenschlichen Fragen. Darüber schreibt sie - offen, schonungslos, humorvoll und bloß nicht prüde.

Was für ein machtvolles Instrument Sex ist, fällt mir immer dann auf, wenn ich einen Freund verliere, der sich das Hirn wund gevögelt hat. Zum Beispiel brachte ein guter Freund kürzlich seine neue Freundin mit, eine Frau von ausgesprochener innerer Hässlichkeit. Selten habe ich mich nach einem Essen noch tagelang so mies gefühlt, fast betäubt von ihrer negativen Energie. Schon beim Eintreten in die Wohnung machte sich ihre mangelnde Klasse bemerkbar. Sie beäugte alles, schätzte ab und kommentierte, ungefähr so wie die Herren vom „Trödeltrupp“, nur dass ich keinen Trödel zu bieten hatte. Das schien sie zu enttäuschen. Übrigens ebenso wie der Rest der Gäste. Schnell gab sie uns zu verstehen, dass wir deutlich unter ihrem Niveau seien, ließ schnippische Kommentare fallen und tuschelte unentwegt mit meinem guten Freund, als wären wir nicht anwesend oder aber so etwas wie freundliche, harmlose Behinderte. Als wir den Nachtisch auftrugen, ein Eis, sagte sie: „Ach, das ist ja was günstiges.“  Dann fing sie an, jeden am Tisch herunterzumachen. Um es kurz zu machen, zitiere ich die Zusammenfassung eines weiteren Gastes: „Wenn ich auch nur einen Tag mit dieser Frau zusammen sein müsste, dann würde ich mir den Dünndarm vorne aus dem Penis herausziehen, Stück für Stück, um mich damit zu erhängen. Die Mühe würde ich mir machen.“

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Ein paar Tage später telefonierte ich mich dem Freund.

„Und, wie fandest du sie“, fragte er.

„Wie fandest du sie denn?“, fragte ich zurück.

„Sie ist einfach ein Traum“, sagte er.

„Naja“, sagte ich, „kommt natürlich ganz darauf an, auf was für Träume man steht. Was magst du denn besonders an ihr?“

„Sie ist einfach super im Bett“, sagte er. „Ich habe ewig nicht so viel Sex gehabt.“

„Ah“, sagte ich. „Und sonst so? Ich fand sie ein bisschen unverschämt, wenn ich ehrlich sein darf. Man merkt, dass sie wahnsinnige Komplexe hat.“

„Jaja, ich weiß. Ist ja auch schwer, wenn man von ganz unten kommt“, sagte mein Freund. „Aber der Sex, ich sage dir…“

„Ist dir ganz egal, wie sie deine Freunde behandelt?“, fragte ich. „Diese Frau ist wie ein Schimmelpilz. Sie streut ihre Sporen und vergiftet alles um sich herum.“

„Mir ist vor allem wichtig, dass sie etwas für mich tut“, sagte der Freund. „Dazu gibt es nichts mehr zu sagen.“

Und so war es dann auch. Natürlich weiß ich, dass er in ein paar Monaten, wenn der Hormonspiegel sein Gehirn wieder freigelassen hat, winselnd bei uns allen vor der Tür stehen wird. Wie beim letzten Mal. „Ich weiß wirklich nicht, was mich da geritten hat“, wird er dann sagen. Wie beim letzten mal. Und ich werde sagen: „Ich schon, mein Lieber. Ich schon.“

Aus aktuellem Anlass muss ich das Wort heute an die Schlussmacher unter euch richten. Durch die Berichte verschiedener Frauen kommt es mir vor, als müsste ich wieder mal eine kleine Abhandlung zum Thema „So beende ich eine Beziehung falsch“ schreiben.

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Falsch macht man es, dies nur zur Veranschaulichung, zum Beispiel so:

Ich ändere meinen Facebook-Status von „In einer Beziehung“ auf „Single“, sehr zur Überraschung des anderen Teils der Beziehung.

Ich besorge mir einfach eine neue Telefonnummer.

Ich stelle mich tot.

Ich ziehe um.

Ich ziehe von Hannover nach Rom. Kommentarlos. (Und ich kenne die Frau, so schlimm ist sie nicht.)

Ich räume in einem stillen Moment die gemeinsame Wohnung aus und nehme dabei auch ihre nützlichen Dinge mit, zum Beispiel das iPad, ihre Anlage und den Fernseher.

Ich erfinde eine neue Liebe, um Diskussionen nach dem Warum aus dem Weg zu gehen.

Ich behaupte, ich wäre mein lang verschollener Zwillingsbruder.

Wirklich, Leute, was ist los?  Reden ist nicht schädlich, gefährlich oder giftig. Übrigens hat eine neue Studie kürzlich herausgefunden, dass Männer gegen Ende einer Beziehung anfangen, deutlich mehr SMS zu schreiben. Warum? Sie wollen. Der guten, alten Aug in Aug-Kommunikation entgehen.

Mann, Mann, Mann.

Mimi hat ein Problem mit ihrem Liebhaber.

„Er will keinen Sex“, sagte sie neulich.

„Er will keinen was?“, fragte ich sicherheitshalber nach, denn bei so einem heiklen Thema ist es besser, sicher zu gehen.

„Keinen Sex. Und das mit mir. Ich fühle mich wie ein Dampfdrucktopf. Bloß, dass mir keiner den Deckel abschraubt.“

„Das kann aber nicht sein“, sagte ich. „Dafür sind Liebhaber doch da!“

„Das habe ich auch gesagt. Ich sagte: Mein Lieber, was soll ich sonst mit dir anfangen? Plätzchen backen?“

„Und er darauf?“

„Dass er eine Glutenunverträglichkeit hat.“

„Ah.“

Wir schwiegen eine Weile, denn darauf wusste ich auch nichts weiter zu sagen. Später gab Mimi zu, dass sie sich im Scherz das eine oder andere Mal über das Sexualorgan des besagten Liebhabers geäußert hatte. Also Kastration mittels Wortmeldung, eine besonders feine Disziplin im Nahkampf der Geschlechter.

„Du solltest ihn aufmuntern“, sagte ich. „Also, den Penis. Mach doch mal irgendwas, mit dem er sich groß und mächtig fühlt. Dann kommt der Trieb von ganz alleine zurück.“

„Prima Idee“, sagte Mimi. „Du hast soeben mein Wochenende gerettet.“

Ich hatte kein ganz gutes Gefühl. In ihren manischen Phasen ist Mimi eine Gefahr für die Menschheit. Ein paar Tage später rief sie mich an. „Und“, fragte ich, „wie ist es gelaufen?“

„Ach, ganz gut“, sagte sie. „ Du hast doch gesagt, ich soll ich irgendwas machen, damit er sich groß und mächtig fühlt.“

„Ja, und?“

„Also habe ich ihm eines dieser Aufklebetattoos für den Schambereich gekauft. Ich fand’s lustig.“

„Oh Gott“, sagte ich. „Was denn für eines? Das, wo HENGST draufsteht?“

„Dummerchen“, sagte Mimi, „natürlich das mit den Elefantenohren. Und der Penis ist dann der Rüssel. Groß und mächtig, verstehst Du? Ich habe das Gefühl, unsere Beziehung ist jetzt auf einem ganz neuen Level angekommen.“ Das allerdings glaube ich auch.

Meine Augen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Ich sehe ja eh scheel, aber kürzlich fiel mir dann zusätzlich zu der partiellen Maulwurfsichtigkeit auch noch auf, dass ich an müden Tagen zum Beispiel das Mobiltelefon unnatürlich weit weg halten muss, wenn ich was erkennen will. Ich weiß natürlich, was das bedeutet, denn ich bin aufgeklärt: beginnende Altersweitsicht.

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Nun würde ich gern in Panik geraten, lasse es aber, denn als ich kürzlich bei The BossHoss im Studio war, fiel mir auf, dass Alec das gleiche Problem zu haben scheint. Auch er stand da, das Handy hin und her bewegend, eine Geste, die mir zart vertraut ist.

Ein künstlerisch tätiger Freund von mir erzählte mir neulich, dass er nach einer Show mit einem recht jungen Groupie beisammen saß. Also, jung im männlich okayen Sinne. Er ist 42, sie war 23. Am Horizont deutete sich zart die Möglichkeit des Geschlechtsverkehrs an. Also, so zart wie ein Sandsturm über dem Himmel von Tucson, Arizona. Will sagen: Das Ding war so gut wie nach Hause gefahren.

Natürlich gab es ein kleines Vorgeplänkel von wegen „Lass uns noch etwas essen, nur so, zum Reden“.  

Als dann die Kellnerin kam und die Speisekarten brachte, konnte er nicht so genau erkennen, was  da stand. Darum hielt er die Karte auf Armeslänge entfernt und kniff die Augen ein wenig zusammen. Nur etwa vier Sekunden später sei ihm klar geworden, dass eben jener Blick ihren gesamten Erregungszustand in ein kleines verglühendes Häufchen Kohle verwandelt hatte. In ihren Gesicht spiegelten sich Gedanken wie „Alter, wie alt ist der Typ noch mal?“ und „Boah, genau wie bei meinen Eltern“ und just wurde ihr das ganze Ausmaß des Altersunterschiedes und der möglichen Konsequenzen (weiße Haare am Sack, Vater-Gedanken) bewusst. Er sei, sagte der Freund, in jener Nacht allein ins Hotel zurückgekehrt und hätte nie wieder von ihr gehört.

„Und wie wirst du es zukünftig machen?“, fragte ich.

„Ganz einfach“, sagte er. „ Ich sage einfach: Servieren Sie uns das Beste von Ihrer Karte. Teuer. Aber es funktioniert.“