GQ-Kolumnisten
Paula Lambert

"Im Bett mit Paula" - Paula Lambert kennt sich aus in zwischenmenschlichen Fragen. Darüber schreibt sie - offen, schonungslos, humorvoll und bloß nicht prüde.

In fast jeder deutschen Großstadt, besonders aber in Berlin, gibt es außergewöhnlich viele alleinstehende Frauen um die 40. Viele von ihnen sind mit Neurosen gespickt wie Teenager mit Pickeln und ebenso unangenehm im Umgang. Ich habe den Verdacht, dass die rein theoretisch dazu passenden Männer Angst vor ihnen haben, was zur Folge hat, dass den alleinstehenden Frauen ein dauerhafter Sexualpartner fehlt; ein Umstand, der wiederum das Sprießen der Neurosen zu begünstigen scheint und zur Folge hat, dass am Ende nicht mal mehr einfach Sex drin ist. Die Männer hingegen brauchen ja auch Sexualpartner. Zwangsläufig orientieren sie sich also in den Bereich der um die Zwanzigjährigen, was zu geistiger Unterernährung beim Manne führt, die wiederum den grausigen Teufelskreis derart beschleunigt, dass Berlin sexmäßig auf eine lose-lose-Situation zusteuert.

Neurotische, sexlose Frauen sind für die deutsche Großstadt in etwa das, was traumatisierte, wütende und zukunftslose junge Männer im arabischen Raum sind. Zum Glück habe ich ein neues Spielzeug entdeckt, dass möglicherweise bald großflächig Frieden bringen wird. Der „Womanizer“ ist so eine Art Saug-Stoß-Brumm-Vorrichtung, die sich intensiv mit der weiblichen Klitoris auseinandersetzt. Stichproben im Freundeskreis haben ergeben, dass die Orgasmusratio mit dem „Womanizer“ erschütternd hoch und von derart befriedigender Qualität, dass Freundin N. sich bereits zu der Aussage hinreißen ließ: „Ich sage es nicht gern, aber das Ding ist ein weiterer Schritt zur Überflüssigmachung des Mannes.“ Das ist natürlich nicht wahr, aber ich empfehle jedem gestressten Großstadtmann, der neurotischen Ziege seiner Wahl so ein Ding zu besorgen. Lächeln ist nach wie vor das beste Mittel gegen trübsinnige Garstigkeit.

Durch einen merkwürdigen Zufall ist vor ein paar Tagen das Buch „Sex-Rekorde und Sensationen“ auf meinem Schreibtisch gelandet. Es stammt aus dem Jahr 1990, die Bildsprache allerdings aus den frühen Achtzigern, was mich rückschließen lässt, dass jemand ein paar Fotos zusammengeklaubt und sich gedacht hat: „Dufte, daraus machen wir ein lehrreiches Büchlein mit abwaschbaren Seiten.“ Tatsächlich stehen erstaunliche Dinge darin, die ich euch nicht vorenthalten möchte.

Foto: iStock

„Längeres Aussetzen der sexuellen Betätigung, zum Beispiel durch Trennung, Krankheit oder Haft, lässt die Libido erlöschen.“ Ich kann nur vermuten, in welchem Umfeld sich der Autor in seiner Freizeit bewegt. Vermutlich saß man abends in gemütlicher Runde beisammen, blätterte in den Fotos und sagte: „Ferdinand, du bist doch gerade frisch raus. Wie ist denn das so im Knast mit dem Vögeln?“ – „Ach, total lahm“, wird Ferdi darauf geantwortet haben, „die Haft schlägt mir immer so auf die Libido.“

Tatsächlich scheinen die Kumpel eher aus den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu stammen. Ich zitiere aus dem Kapitel „La Vieux posierend vor der Kamera“:

„Am Stammtisch war man wieder mal bei dem Thema angelangt, ob im Bett eine junge Frau besser sei oder eine vielerfahrene Alte. ‚Lasst mich in Ruhe mit den jungen Dingern’, meinte Freund Erich. Und er musste es ja wissen, hatte er doch schon etliche Erfahrungen auf dem Gebiet gesammelt! ‚Alterfahrene Gespielinnen sind da einfach besser. Wir hatten damals im Soldaten-Bordell von Belfort eine, die von ihren Mitkämpferinnen fast liebevoll La Vieux genannt wurde – die Alte. Wer zweimal bei La Vieux im Bett gewesen war, hatte für sein Leben ausgelernt.“

Abschließen möchte ich mit den hier dokumentierten Überlegungen einer nicht weiter identifizierten Dame über die Aktbild-Sammlung ihres Mannes: „Mir verging jeder Genuss an der körperlichen Liebe, wenn ich zusehen musste, wie mein Mann mit gierigen Blicken die Fotoweiber betrachtete, während er sich an mir befriedigte. Das halte ich nicht für die feine englische Art.“

Auch nicht die feine englische Art ist es, jetzt einfach aufzuhören. Aber ich muss weiterlesen. Im Kapitel „Oh, neue Burschenherrlichkeit“.  Es beginnt mit den Worten: „Vorbei sind die Zeiten alter Burschenherrlichkeit.“ Schon jetzt ein Klassiker. 

Wenn man es sich genau überlegt, ist es schockierend, wie viele Menschen nicht nur keinen Sex haben (außer mit sich selbst), sondern auch niemals berührt werden. Vielleicht abgesehen von ein paar dahingeknufften Umarmungen hat zum Beispiel mein Nachbar, der einem handwerklichen Beruf nachgeht, keinerlei Körperkontakt. Ich bin sehr sicher, weil er von der Arbeit (die Werkstatt ist hier im Haus) immer gleich in seine Wohnung geht, in der er bis in die frühen Morgenstunden bleibt, um anschließend wieder zur Arbeit zu gehen. Er scheint außerhalb der Arbeit keinerlei nennenswerte Begegnungen zu pflegen, was mich insofern erschüttert, als ich an gleicher Stelle eingehen würde wie ein Blümchen im Hochsommer.

Foto: iStock

Nun kann man sich auch als Alleinsteher seinen Träumen nicht entziehen, darum bin ich sicher, dass auch mein Nachbar gelegentlich rallig wird, vor allem des Nachts. Irgendwohin muss der Druck ja. Nun habe ich vor kurzem eine Umfrage gefunden, in der ein Onlineportal Menschen danach gefragt hat, mit wem sie gern träumerisch eine sexy Nacht verbringen würden. Die Antworten der Frauen haben mich überrascht. 41 % hätten gerne einen Bumstraum mit Matthias Schweighöfer, 17 % mit Andreas Gabalier, 14 % mit Bushido. Ich weiß ja, dass man im Traum gern die allergrößten Perversionen durchspielt, aber Andreas Gabalier? Bushido? 2 % möchten sich übrigens Frank-Walter Steinmeier hingeben, was alles in allem ein gespenstisches Licht auf die Mitglieder besagten Portals wirft.

Bei den Männern verhält es sich nur unwesentlich besser. Nora Tschirner und Barbara Schöneberger, 23 bzw 21 %, - geschenkt. Aber Daniela Katzenberger (13 %) und Maria Höfl-Riesch (7 %)? Das wiederum würde erklären, warum besagter Nachbar kürzlich beim Blick aus dem Fenster gesagt hat: „Diese Hitze! Es wird Zeit, dass wieder Winter wird.“ Ich habe überlegt, ob ich ihm zur Abhilfe einen Gutschein für ein Massagestudio schenken soll. Von leicht maskulinen, sehr großen Personen feste durchgewalkt werden, das kriegt man in Berlin an jeder Ecke.

Foto: Fotalia

Manchmal fühle ich mich von den Anforderungen des täglichen Lebens überfordert.  Anders als meine Schwester, die die Gabe der Ordnung und der präzisen Tischdekoration besitzt, bin ich eher der praktische Typ. Dennoch fühle ich mich in Ordnung wohl. Zu diesem Zwecke habe ich eine Putzfrau engagiert. Die Putzfrau, eine Dame aus Russland, hat die Unberechenbarkeit und die Durchschlagskraft einer Uzi. Leider nicht so sehr, was die Reinlichkeit betrifft, wohl aber wenn es um die Dezimierung meines Haushaltsbestandes geht. Wenn ich vor ihrem Besuch zum Beispiel vier Gläser hinstelle, sind nachher davon noch zwei übrig. Die anderen beiden liegen säuberlich zerkrümelt im Mülleimer. Sie gibt nie direkt zu, wenn sie etwas zerstört hat, aber wenn ich sie darauf anspreche, sagt sie: „War schlechte Qualität.“

„War schlechte Qualität“, sagt sie übrigens auch den meisten anderen Dingen nach, egal ob es um gescheiterte Ehen oder Seriendarsteller geht. Anderer Meinung ist sie nur bei Oliver Kahn, über den sie unerklärlicherweise immer sagt: „Ist scheenstes Mann von ganz Europa.“

Jedenfalls sagte sie kürzlich, dass ihr Ehemann, ein gebeugt, wenn nicht sogar gebrochen aussehender Russe mittleren Alters, ihr den Geschlechtsverkehr verweigere. Verständlicherweise ist sie darüber sehr empört. Ich kann mir ungefähr vorstellen, mit welcher Dynamik sie an seinem Geschlechtsteil herumschraubt. Wenn sie seinen Schwanz ebenso behandelt wie mein Geschirr, ist es kein Wunder, dass er Angst hat. Besorgt fragte ich, ob denn schon mal was kaputtgegangen sei bei ihm beim Sex. Darauf sagte sie: „Nicht mehr als üblich.“ Ich stelle mir vor, wie sie vor dem Scheidungsrichter stehen, weil er seinen ehelichen Pflichten nicht mehr nachkommt, sie mit dem Finger auf ihn zeigt und sagt: „War schlechte Qualität.“