GQ-Kolumnisten
Paula Lambert

"Im Bett mit Paula" - Paula Lambert kennt sich aus in zwischenmenschlichen Fragen. Darüber schreibt sie - offen, schonungslos, humorvoll und bloß nicht prüde.

Wenn man es sich genau überlegt, ist es schockierend, wie viele Menschen nicht nur keinen Sex haben (außer mit sich selbst), sondern auch niemals berührt werden. Vielleicht abgesehen von ein paar dahingeknufften Umarmungen hat zum Beispiel mein Nachbar, der einem handwerklichen Beruf nachgeht, keinerlei Körperkontakt. Ich bin sehr sicher, weil er von der Arbeit (die Werkstatt ist hier im Haus) immer gleich in seine Wohnung geht, in der er bis in die frühen Morgenstunden bleibt, um anschließend wieder zur Arbeit zu gehen. Er scheint außerhalb der Arbeit keinerlei nennenswerte Begegnungen zu pflegen, was mich insofern erschüttert, als ich an gleicher Stelle eingehen würde wie ein Blümchen im Hochsommer.

Foto: iStock

Nun kann man sich auch als Alleinsteher seinen Träumen nicht entziehen, darum bin ich sicher, dass auch mein Nachbar gelegentlich rallig wird, vor allem des Nachts. Irgendwohin muss der Druck ja. Nun habe ich vor kurzem eine Umfrage gefunden, in der ein Onlineportal Menschen danach gefragt hat, mit wem sie gern träumerisch eine sexy Nacht verbringen würden. Die Antworten der Frauen haben mich überrascht. 41 % hätten gerne einen Bumstraum mit Matthias Schweighöfer, 17 % mit Andreas Gabalier, 14 % mit Bushido. Ich weiß ja, dass man im Traum gern die allergrößten Perversionen durchspielt, aber Andreas Gabalier? Bushido? 2 % möchten sich übrigens Frank-Walter Steinmeier hingeben, was alles in allem ein gespenstisches Licht auf die Mitglieder besagten Portals wirft.

Bei den Männern verhält es sich nur unwesentlich besser. Nora Tschirner und Barbara Schöneberger, 23 bzw 21 %, - geschenkt. Aber Daniela Katzenberger (13 %) und Maria Höfl-Riesch (7 %)? Das wiederum würde erklären, warum besagter Nachbar kürzlich beim Blick aus dem Fenster gesagt hat: „Diese Hitze! Es wird Zeit, dass wieder Winter wird.“ Ich habe überlegt, ob ich ihm zur Abhilfe einen Gutschein für ein Massagestudio schenken soll. Von leicht maskulinen, sehr großen Personen feste durchgewalkt werden, das kriegt man in Berlin an jeder Ecke.

Foto: Fotalia

Manchmal fühle ich mich von den Anforderungen des täglichen Lebens überfordert.  Anders als meine Schwester, die die Gabe der Ordnung und der präzisen Tischdekoration besitzt, bin ich eher der praktische Typ. Dennoch fühle ich mich in Ordnung wohl. Zu diesem Zwecke habe ich eine Putzfrau engagiert. Die Putzfrau, eine Dame aus Russland, hat die Unberechenbarkeit und die Durchschlagskraft einer Uzi. Leider nicht so sehr, was die Reinlichkeit betrifft, wohl aber wenn es um die Dezimierung meines Haushaltsbestandes geht. Wenn ich vor ihrem Besuch zum Beispiel vier Gläser hinstelle, sind nachher davon noch zwei übrig. Die anderen beiden liegen säuberlich zerkrümelt im Mülleimer. Sie gibt nie direkt zu, wenn sie etwas zerstört hat, aber wenn ich sie darauf anspreche, sagt sie: „War schlechte Qualität.“

„War schlechte Qualität“, sagt sie übrigens auch den meisten anderen Dingen nach, egal ob es um gescheiterte Ehen oder Seriendarsteller geht. Anderer Meinung ist sie nur bei Oliver Kahn, über den sie unerklärlicherweise immer sagt: „Ist scheenstes Mann von ganz Europa.“

Jedenfalls sagte sie kürzlich, dass ihr Ehemann, ein gebeugt, wenn nicht sogar gebrochen aussehender Russe mittleren Alters, ihr den Geschlechtsverkehr verweigere. Verständlicherweise ist sie darüber sehr empört. Ich kann mir ungefähr vorstellen, mit welcher Dynamik sie an seinem Geschlechtsteil herumschraubt. Wenn sie seinen Schwanz ebenso behandelt wie mein Geschirr, ist es kein Wunder, dass er Angst hat. Besorgt fragte ich, ob denn schon mal was kaputtgegangen sei bei ihm beim Sex. Darauf sagte sie: „Nicht mehr als üblich.“ Ich stelle mir vor, wie sie vor dem Scheidungsrichter stehen, weil er seinen ehelichen Pflichten nicht mehr nachkommt, sie mit dem Finger auf ihn zeigt und sagt: „War schlechte Qualität.“ 

Ich weile gerade in Venedig. Wie zu erwarten war, bin ich dabei nicht von Venezianern umgeben, sondern von Chinesen. Die chinesischen Reisegruppen sind heute das, was die deutschen in den Sechzigerjahren waren. Zu viele, zu merkwürdig gekleidete Menschen, denen vor allem eines gemein ist: man fühlt sich in ihrer Gegenwart irgendwie entkörpert und unwohl und kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass es sich bei diesen Menschen um sexuelle Wesen handelt. Reisegruppen schaffen es von ganz alleine, sich zu entmannen, sogar die Frauen wirken entkräftet und saftlos. 

Indiviualtouristen haben es natürlich besser. Sie können vorgeben, sich selbst durchschlagen zu wollen (selbst wenn sie sich in Gewühl an der Laufrichtung der Reisegruppen orientieren) und sprechen so den natürlichsten Instinkt der Frau an, nämlich sich an ein starkes Männchen zu halten und nicht eines zu nehmen, das einem kleinen Fähnchen hinterrennt wie ein Hund. 

Ich wollte übrigens das Haus von Casanova anschauen, aber der Gondoliere sagte, er würde mir stattdessen das Haus von Vivaldi zeigen. Als Mann herumzuvögeln sei keine Kunst, die ihm Achtung abverlange. Musik zu schreiben aber schon. Ich schwieg dazu und fand, dass es ein wirklich schönes Haus war.

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Wie jedes Jahr verbringe ich auch dieses Mal den Sommer am Gardasee, denn Berlin ist zu dieser Jahreszeit bumsvoll mit englischen Touristen. Tatsächlich geht es in Berlin zu wie im Haus der Bachelorette: Lauter halbnackte Männer mit eindeutigen Absichten und nicht ganz klar umrissenen geistigen Strukturen. Sollte der Dialog „Ich bin total aufgeregt. Und du?“ – „Ich bin Marcel“ tatsächlich so oder so ähnlich stattgefunden haben, überkommt mich allerdings ein kurzer Moment des Bedauerns, dass ich nicht an dieser Sternstunde der TV-Unterhaltung teilhaben kann, wobei mich doch immer wieder die gleichen Fragen umtreiben würden: Warum sollte sich jemand so ausdauernd und öffentlich für ein bisschen Geschlechtsverkehr anstrengen? Und, freuen sich Männer tatsächlich, wenn man ihnen eine Schnittblume übereicht – genauso wie dem Typ davor und jenem danach?

Foto: RTL / Stefan Gregorowius

Dann wiederum denke ich, während ich hier sitze und über den See schaue, dessen dunkles Blau sich leicht im Wind kräuselt, dass ich statt die Bachelorette zu verfolgen vielleicht lieber ein paar Gläser Wein in der prallen Sonne trinken sollte. Vermutlich ist das Gefühl hinterher genau das gleiche.