GQ-Kolumnisten
Paula Lambert

"Im Bett mit Paula" - Paula Lambert kennt sich aus in zwischenmenschlichen Fragen. Darüber schreibt sie - offen, schonungslos, humorvoll und bloß nicht prüde.

Wie jedes Jahr verbringe ich auch dieses Mal den Sommer am Gardasee, denn Berlin ist zu dieser Jahreszeit bumsvoll mit englischen Touristen. Tatsächlich geht es in Berlin zu wie im Haus der Bachelorette: Lauter halbnackte Männer mit eindeutigen Absichten und nicht ganz klar umrissenen geistigen Strukturen. Sollte der Dialog „Ich bin total aufgeregt. Und du?“ – „Ich bin Marcel“ tatsächlich so oder so ähnlich stattgefunden haben, überkommt mich allerdings ein kurzer Moment des Bedauerns, dass ich nicht an dieser Sternstunde der TV-Unterhaltung teilhaben kann, wobei mich doch immer wieder die gleichen Fragen umtreiben würden: Warum sollte sich jemand so ausdauernd und öffentlich für ein bisschen Geschlechtsverkehr anstrengen? Und, freuen sich Männer tatsächlich, wenn man ihnen eine Schnittblume übereicht – genauso wie dem Typ davor und jenem danach?

Foto: RTL / Stefan Gregorowius

Dann wiederum denke ich, während ich hier sitze und über den See schaue, dessen dunkles Blau sich leicht im Wind kräuselt, dass ich statt die Bachelorette zu verfolgen vielleicht lieber ein paar Gläser Wein in der prallen Sonne trinken sollte. Vermutlich ist das Gefühl hinterher genau das gleiche.

Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass Deutschland am Sonntag Weltmeister wird. Allein schon, um diese Übertaktierei Argentiniens zu bestrafen. Fußball spielen ist ziemlich exakt wie Sex, ist mir aufgefallen. Wenn man mit einem ausgefeilten Plan aufs Spielfeld/ins Bett rennt, wird mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit eine ziemlich öde Angelegenheit daraus.  Die Vorstellung, ein Gruppenspiel/einen Dreier mit Argentinien und den Niederlande bestreiten zu müssen kann einen schon in die Verzweiflung treiben. Wo Taktik überdominiert, ist Leidenschaft unmöglich und darum bin ich froh und dankbar, dass unser Bundestrainer noch ein wenig mehr mit den Hoden als mit dem Kopf zu entscheiden scheint.

Ich stelle mir vor, dass Jogi seinen Jungs gesagt hat: „Mensch, denkt ab jetzt nicht so viel, wir spielen einfach drauf los, ihr wisst schon, Viererkette und so und Manuel macht den Ausputzer. Und du, Müller, machst einfach so weiter wie immer.“ Und dann wird der Mats abends zu seiner Freundin sagen: „Du hast doch immer gesagt, du willst eine Beziehung auf Augenhöhe. Let’s do it!“

Foto: Getty Images

Vielleicht ist es natürlich auch ganz anders, was weiß ich. Jedenfalls halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass im privaten Bereich eine Menge Witze zum Thema Manndeckung gemacht werden. So oder so bin ich sicher, dass ausgelassene Stimmung herrscht und das ist sowohl für Fußball als auch für Sex eine fabelhafte, wenn nicht sogar die wichtigste Zutat.

Foto: Privat

Dies hier ist mein 200ster Eintrag, seit es den GQ Blog gibt, und ich möchte diese herrliche Gelegenheit nicht verstreichen lassen, ohne mich zu bedanken. Bei dem ausnehmend großartigen Chefredakteur José Redondo-Vega zum Beispiel, der mir seit vielen Jahren ein Forum gibt, und bei Dominik Schütte, dem stellvertretenden Chefredakteur, der sich vor vielen Jahren meiner annahm. Außerdem bei der gesamten GQ-Onlineredaktion, die der Wahnsinn ist, und das, obwohl ich die meisten gar nicht so richtig privat kenne, mich aber dennoch gern bei Gelegenheit in ihren Armen wälzen und mit ihnen Liebe machen möchte, also im übertragenen Sinne. (Denn Geschlechtsverkehr, das weiß jeder, führt innerhalb der Firma zu fiesen Verstrickungen und vergrätzt den Betriebsrat, vor allem, wenn er nicht mitmachen durfte). Will sagen: I love you all!

Wenn Sie dies lesen, wird Deutschland vielleicht gegen Frankreich gewonnen haben. Vielleicht haben sie auch verloren, wer weiß das schon. Ich möchte Ihnen nur zusprechen, im letzteren Falle nicht all zu traurig zu sein. Es gibt viele schöne Dinge, mit denen Sie sich trösten können. Sex zum Beispiel. Oder mit Lektüre, wie der aktuellen GQ.

Ich bemühe mich, Thomas Müller sexy zu finden. Was das Männlichkeitspotential angeht, gibt es da natürlich andere Spieler, allein schon vom Namen her: Hulk zum Beispiel. Gelungen, wenn auch kurzwüchsig ist der mexikanische Trainer, der jetzt schon mein most valuable player des gesamten Turniers ist und wegen dem ich inbrünstig hoffe, dass Mexiko Holland hochkantig aus dem Turnier kegelt.

Foto: iStock

Doch zurück zu Müller. So ein bisschen lockere Spitzbübigkeit ist alles in allem natürlich mehr wert als der breiteste Muskel. Oder die schickste Frisur. Mir gefällt der 70er Jahre-Vibe der Belgier allerdings doch  sehr, da könnte ich mich sofort auf den Flokatiteppich werfen und ein bisschen an groß gebauten Zigaretten saugen. Das würde Müller natürlich nicht mitmachen, aber gemeinsam ein Glas kalte Milch trinken, das ginge sicher. Und was ist mit diesem Penis-Look der Torwarte bei diesem Turnier? Wo man hinsieht oben Glatze, unten Wolle. Ich bin überfordert, vor allem aber von Steffen Simon, den ich nicht aushalten kann, obwohl ich so gern möchte. Aber nein, geht nicht. Ich stecke jetzt meinen Kopf in einen Eimer Wasser, damit ich aussehe wie Jogi Löw. Seufz.